Rechtsanwälte und Recht

Aufsatz Rechtsanwälte
Stand: 27.07.2009

Homo homini lupus est – Der Mensch ist für seine Mitmenschen ein Wolf. Das war der Wahlspruch eines ehemaligen Arbeitgebers. Rechtsanwälte sind natürlich keine Wölfe. Sie sind gut rasiert, haben einen glatten Anzug und gute Manieren. Sie werden von den Rechtsanwaltskammern kontrolliert, und unterliegen dem anwaltlichen Standesrecht (Bundesrechtsanwaltsordnung BRAO).

Den schwarzen Umhang, die Soutane, mussten die Rechtsanwälte und Richter früher darum tragen, damit sie sich nicht vom gemeinen Mann aus dem Volk unterschieden. Heute ist das eher umgekehrt. Sie unterscheiden sich vom gemeinen Volk durch den Umhang. Daher entfällt die Pflicht dazu am Amtsgericht.

Man wird Rechtsanwalt, indem man nach dem Abitur Jura (Rechtswissenschaften) studiert. Die juristische Ausbildung bedeutet in der Regel ein Studium von acht Semestern (= vier Jahre). Einige der klassischen Universitäten für das Jurastudium sind München, Freiburg, Heidelberg und Tübingen. Zwei juristische Staatsexamina ergeben dann den sogenannten Volljuristen, der automatisch auch die Befähigung zum Richteramt und zum höheren Verwaltungsdienst beinhaltet.

Schlagzeilen wie „Anwaltverein kritisiert die Juristenschwemme“ haben schon lange die Runde gemacht. Wir wollen das einmal aus einer etwas anderen Perspektive ansehen:

Hier ist erst einmal eine kleine statistische Übersicht:

Quelle der Zahlenangaben: Wikipedia Stand 27.07.2009

Verhältnis Rechtsanwälte zu Bevölkerung

Einwohner Rechtsanwälte Verhältnis Einwohner/ Rechtsanwälte

Rechtsanwälte/ Einwohner DDR zuletzt 16.350.000 530 30.849

Auf 16.350.000 Einwohner gab es gerade einmal 530 Rechtsanwälte. Bzw. 30.849 Einwohner konnten von einem einzigen Rechtsanwalt beraten werden!

Rechtsanwälte/ Einwohner Deutschland heute 82.310.000 150.000 549

Auf 82.310.000 Einwohner kommen 150.000 Rechtsanwälte. Das bedeutet, jeder deutsche Rechtsanwalt berät statistisch gesehen 549 Einwohner.

Rechtsanwälte/ Einwohner USA heute 298.444.215 1.128.729 264

Auf 298.444.215 Einwohner kommen 1.128.729 Rechtsanwälte. Bzw. jeder amerikanische Rechtsanwalt betreut 264 amerikanische Einwohner.

Was kann man aus dieser Tabelle herauslesen? In der ehemaligen deutschen demokratischen Republik (DDR) mussten die rechtlichen Probleme von 30.849 Menschen betreut werden durch gerade Mal einen einzigen Rechtsanwalt. Ein Staat, der zwar Rechte formell auf dem Papier anbietet, diese aber nicht umsetzt in einem demokratischen Gefüge, stellt auch ein wertloses Rechtssystem zur Verfügung. Wo keine Rechte sind, ist die Arbeit von Rechtsanwälten auch überflüssig.

So erzählte der damalige Freiburger Völkerrechtler Professor Kaiser, daß im Rahmen eines Seminars die „White-Collar“-Kriminalität (Weisse-Kragen-Kriminalität) international verglichen werden sollte. Die russischen Kollegen im internationalen Strafrecht zuckten mit den Achseln. White – Collar-Kriminalität gab es im Osten damals überhaupt nicht!!! Dazu können wir nur aus heutiger Sicht anmerken: es gab sie natürlich. Aber ein repressives System bekämpft so etwas mit repressiven Methoden und verhindert systematisch, daß das bekannt wird.

Im heutigen Deutschland der von von Richtern und Professoren vielfach besungenen „Juristenschwemme“ haben wir statistisch gesehen 549 Menschen, die ein einziger Rechtsanwalt rechtlich beraten muss.

Die rechtlichen Probleme für 549 Menschen zu bewältigen, ist eigentlich durchaus eine angemessene Aufgabe, wenn man sich überlegt, wofür alles Rechtsrat ganz sinnvoll sein kann, und zwar eigentlich bei jedem.

Vom Bußgeldverfahren angefangen über den Erbschaftsstreit bis hin zum Nachbarschaftsstreit oder zur Höhe der zu gewährenden Sozialhilfe oder des Arbeitslosengelds oder der Rente. Und in den USA kommen gerade einmal 264 Einwohner auf einen Anwalt. Das bedeutet, statistisch haben die Amerikaner recht genau doppelt so viele Rechtsanwälte wie die Deutschen. Und niemand redet dort von Juristenschwemme!

Im englischsprachigen Raum unterscheidet man zwischen Anwälten, die nur und ausschließlich außergerichtlich beratend tätig sind (Sollicitors) und den Gerichtsanwälten (Barristors). In Deutschland machen Anwälte normalerweise beides. Überall da, wo der Einzelne mit seiner Weisheit am Ende ist, kann er einen Anwalt konsultieren.

Der Rechtsanwalt ist ein Spezialist. In einer grossen, spezialisierten arbeitsteiligen Gesellschaft werden Funktionen mehr und mehr Spezialisten übertragen. Der „Wolf“ im Menschen beisst heutzutage nicht mehr selbst. Es werden Rechtsanwälte dazwischen geschaltet. Und wie in einem grossen Spiel werden dann Konflikte abstrahiert und notfalls auf dem Schlachtfeld des Gerichtssaals ausgetragen. Früher haben die Menschen sich gegenseitig meistens selbst den Schädel eingeschlagen. Es gab schwerste Fehden, bei denen sich ganze Familien, Stämme und Sippen bis aufs Blut bekriegt haben. Heute werden im Grossen und Ganzen dazu die Anwälte benutzt. Gewinner und Verlierer gibt es da immer noch. Es gibt siegreiche Helden und Besiegte. Nur enden diese Schlachten heutzutage schlimmstenfalls mit dem Verlust von Freiheit und Vermögen, aber immerhin nicht mehr tödlich.

Die Tätigkeit der Rechtsanwälte ist sehr vielfältig. Neben den klassischen Juristendomains gibt es auch viele, die z.B. den Abstecher in die Schriftstellerei (z.B. Goethe!), in die Politik oder in sonstige Bereiche der Wirtschaft, der Versicherungen, oder auch in die freie Unternehmerschaft wagen.

Einen Anwalt braucht man nur dann, wenn man selber nicht weiter weiß. Am Amtsgericht kann jeder sein eigener Anwalt sein. Nur z.B. am Landgericht herrscht der traditionelle Anwaltszwang. Da die Materie dort so kompliziert ist, ist es dort nicht erlaubt, selbst ohne einen Rechtsanwalt als Kläger oder Beklagter aufzutreten.

Ganz wichtig für die anwaltliche Tätigkeit ist das Recht des Rechtsanwalts auf Akteneinsicht in so gut wie jede Akte, die von Staatsorganen geführt wird. Ganz besonders geschützt wird das Anwalt-Mandanten-Verhältnis. Das äußert sich auch darin, dass die Kriterien des Bundesverfassungsgerichts an Durchsuchungen von Anwaltskanzleien oder an die Beschlagnahme von Akten beim Rechtsanwalt äußert scharf sind.

Zum Schluss: Der Rechtsanwalt ist Organ der Rechtspflege. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Richtern. Staatsamwälten und meisten Beamten (eine der wenigen Ausnahmen wäre z.B. die Wahl des Bürgermeisters) wird er aber direkt und unmittelbar durch „das deutsche Volk“ gewählt, nämlich durch seine eigenen Mandanten.

Er vertritt zwar auch und überwiegend private Interessen, aber nur bis zur Grenze des rechtlich Erlaubten, was mit der Stellung als Organ der Rechtspflege zusammenhängt. Er gehört damit zur sogenannten dritten Gewalt, zur Justiz (neben der Exekutive und Gesetzgebung).

Und damit hat der Rechtsanwalt als Vertreter des Volks auch ganz wichtige Kontrollfunktionen gegenüber den Behörden und gegenüber der Justiz.

Eine der wichtigsten Aufgaben des Rechtsanwalts ist es, dazu beizutragen, dass die Rechte des Einzelnen gegenüber anderen, aber auch gegenüber dem Staat geschützt werden. In der DDR hatten Einzelne keine Rechte, es gab nur ein einziges Kollektiv. Und daher waren Rechtsanwälte auch überflüssig. Je mehr Individualrecht es gibt, umso mehr braucht man Rechtsanwälte. Dies erklärt das Gefälle, das wir in der Tabelle oben gesehen haben. Man könnte sogar die These aufstellen, dass die Anwaltsdichte pro Bevölkerung ein Signal für die Freiheit eines Volkes ist. Und danach befänden wir in Deutschland uns auch erst auf halbem Wege im Vergleich zu Verhältnissen wie in den USA.

Hier ein Link zum Beitrag einer Kollegin, die die Statistiken über die Anwaltsdichte ganz anders zusammenstellt.

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